Review: „Der Zopf“ von Laetitia Colombani

„Der Zopf“ ist der wunderschöne Debütroman der Schauspielering und Regisseurin Laetitia Colombani, welcher im S. Fischer Verlag erschienen ist und von Claudia Marquardt aus dem Französischen übersetzt wurde. Das Buch erzählt von dem Leben drei noch so unterschiedlicher Frauen, die zwar zerstreut über die Welt verteilt leben, jedoch durch eine Sache verbunden werden. Man könnte also fast meinen, die drei Leben werden in der Geschichte miteinander verknüpft, wie beim Flechten eines Zopfes.

Inhalt:

Smita lebt mit ihrer Tochter Lalita und ihrem Mann in Indien in der Kaste der „Unberührbaren“. Smita muss die Toiletten anderer Menschen reinigen, während ihr Mann auf Feldern Ratten fängt, die er mit nach Hause nehmen darf, um seiner Familie ein Abendessen bieten zu können. Smita wünscht sich für ihre Tochter ein besseres Leben und beginnt eine Reise, für die es kein Zurück mehr gibt. Währenddessen übernimmt Giulia die Perückenfabrik ihres Vaters in Palermo, welche jedoch am Rande des Ruins steht. Giulia muss sich entscheiden, weiterhin an Traditionen festzuhalten oder eine neue Richtung in der Geschichte des Familienunternehmens einzuschlagen. Inzwischen wird bei der erfolgreichen Anwältin Sarah in Montreal Krebs diagnostiziert. Die Autorin webt die Schicksale dieser drei starken Frauen spielerisch in ihrem Roman zusammen und weckt bei dem Leser das Gefühl von Hoffnung.

Dieses Buch hat mich regelrecht sprachlos gemacht! Das Cover ist einfach wunderschön gestaltet mit den türkis-goldenen Elementen und den illustrierten Blumen. Der Einband zeigt einen geflochtenen Zopf, der nicht nur perfekt zu dem Titel, sondern auch zum Inhalt der Geschichte passt! Die gebunde Ausgabe verbirgt sogar ein integriertes Lesezeichen als kleine Überraschung!

Ich habe das Buch binnen zwei Tagen verschlungen. Die Schrift ist angenehm groß gewählt und die Kapitel sind relativ kurz gehalten, weshalb man die 282 Seiten schnell durchgelesen hat. Ich konnte den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Charaktere sind so gut getroffen, dass man gar nicht anders kann, als mit jeder einzelnen der drei Protagonistinnen mitzufiebern! Mein Herz habe ich an Smita verloren. Das erste Kapitel ist aus ihrer Sicht geschrieben. Es dauerte nicht einmal eine halbe Seite bis ich wusste, dass dieses Buch außergewöhnlich gut geschrieben ist. Der Roman ist übrigens bereits in 28 Ländern erschienen!

Also, zurück zu Smita aus Indien! Ihr Leben hat mich so sehr berührt, weil sie so arm ist, aber dennoch unter wirklich schlechten Lebensumständen das Beste aus ihrem Leben zu machen versucht. Die gesellschaftliche Lage in Indien ist für uns Außenstehende wirklich schwer zu verstehen. Man darf nicht vergessen, wie viele Menschen in Armut leben und einen Tag nach den anderen hinter sich zu bringen versuchen, wie Smita und ihre Familie. Smita war deutlich meine Lieblingsfigur in der Geschichte.

Im zweiten Kapitel lernt man bereits Giulia aus Palermo kennen. Auch sie ist eine wirklich starke weibliche Figur, die um ihre Existenz kämpft. Zuletzt wird der Leser mit der Anwältin Sarah aus Montreal konfrontiert. Ich mochte Sarah mit Abstand am wenigsten von den drei Hauptcharakteren. Der Schreibstil, der in Sarahs Kapitel verwendet wurde, schien mir komplett anders zu sein als jene, die für Smita und Giulia verwendet wurden. Sarah ist Anwältin und zeigt keine Schwäche. Sie versucht stark zu sein, doch dies tut sie auf eine richtig harte und kantige Art und Weise, finde ich. Sarah muss sich gegenüber ihren Kollegen behaupten. Selbst als bei ihre Krebs diagnostiziert wird, gesteht sie sich keine Pause ein.

Ich denke, alle drei Charaktere sind auf ihre eigene Art starke Frauen. Sarah symbolisiert die moderne Welt. Sie verkörpert die aktuelle Rolle der Frau in Industriestaaten. Sarah balanciert das Familienleben mit ihrem Job so gut sie kann, doch man merkt, dass ihr Fokus auf ihrer Karriere liegt. Giulias Charakter hat etwas Altmodisches an sich. Vielleicht liegt dies an dem kleinen Ort, in dem sich ihr gesamtes Leben abspielt. Giulia erinnert mich an die industrielle Revolution. An die Zeit, in der Frauen selbstständiger wurden und anfingen, sich Tabus zu widersetzen. Smita wiederum wirkt antik, an gesellschaftliche Regeln und Traditionen gebunden. Sie ist gläubig und hinterfragt das Kastensystem nicht. Smita gliedert sich ein, so gut sie kann. Doch Smita besitzt ein Feuer, das nur für ihre kleine Tochter brennt. Sie möchte ihrer Tochter Lalita ein besseres Leben bieten, eine Zukunft, in der sie nicht die Fäkalien anderer Leute beseitigen muss. Smita ist mutig. Sie setzt alles aufs Spiel um Lalita eine bessere Zukunft zu bieten. Lalita soll in die Schule gehen und etwas aus ihrem Leben machen. Aus Liebe zu ihrem Kind setzt Smita ihre gesamte Existenz aufs Spiel.

Smitas eiserner Wille hat mich zutiefst berührt. An Smitas Charakter erkennt man, was Mut wirklich bedeutet. Smitas Reise durch Indien gibt dem Leser Hoffnung und beflügelt die richtig die Sinne mit einem exotischen Flair.

Den einzigen Kritikpunkt dieses Buches sehe ich in der plötzlichen Art, wie die drei Leben miteinander verknüpft wurden. Mir erschien es so, als hätte sich Laetitia Colombani an einer gewissen Stelle einfach gedacht, dass das Buch nun lange genug sei und es Zeit wäre, zum Ende der Geschichte zu kommen.

Ansonsten fand ich das Buch einfach traumhaft! Ich würde den Roman „Der Zopf“ definitiv jedem Interessenten empfehlen! Ich werde Colombanis Debütroman bestimmt eines Tages ein zweites Mal lesen. Bis dahin freuen sich meine Mutter und Großmutter, das Buch ausleihen zu dürfen. Auch sie sind von der Geschichte unserer drei Protagonistinnen berührt.

 

Wertung: Begeisterte 5 von 5 Sternen!

 

Meinen herzlichsten Dank an den S. Fischer Verlag für die Zusendung dieses wundervollen Rezensionsexemplars!

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